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Schulen sind „Teil des Pandemiegeschehens“ – Infektionsrisiko für alle, die dort beschäftigt sind.

In seinem Rundbrief vom 13. April 2021 schreibt der Vorsitzende der Bayerischen Direktorenvereinigung:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

an diesem Montag begann ein neues Kapitel in der gefühlt unendlichen Geschichte des pandemiebedingten Ausnahmezustands an den Schulen. Die Einführung einer Testpflicht für alle Schülerinnen und Schüler, die am Präsenzunterricht teilnehmen wollen, stellt uns vor neue ungeahnte Herausforderungen, mit denen wir in dieser Form bisher noch nicht zu tun hatten. Die Umsetzung der Vorgaben, deren endgültige Ausgestaltung wir wieder einmal erst am Freitagnachmittag erfahren haben, erfordert diesmal eine noch genauere und noch sensiblere Herangehensweise, als dies bei früheren Maßnahmen der Fall war. An vielen Schulen wurden die Testkits erst in den Osterferien ausgeliefert, was zur Folge hatte, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer nicht rechtzeitig mit der Handhabung der Tests auseinandersetzen konnten. Ich habe deswegen an meiner Schule am Montag auf einen Unterrichtsbeginn im Präsenzmodus verzichtet, um noch Zeit zu gewinnen, die Lehrkräfte zu instruieren und mit ihren Aufgaben bei der Beaufsichtigung der Selbsttests vertraut zu machen.

Schulen sind „Teil des Pandemiegeschehens“ – Infektionsrisiko für alle, die dort beschäftigt sind.

Bei all dem Unmut vieler Kolleginnen und Kollegen über die Anordnung der Staatsregierung, dass nun an den Schulen getestet wird, muss man sich fragen, welche Alternativen es geben würde, wenn wir noch in diesem Schuljahr wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren wollen. Solange keine Aussicht besteht, dass wir und unsere Lehrerinnen und Lehrer in nächster Zeit gegen das Corona-Virus geimpft werden, wäre es fahrlässig, den Schulbetrieb ohne flächendeckende Testungen wiederaufzunehmen.

Schulen sind “Teil des Pandemiegeschehens”. Damit besteht für die Beschäftigten an den Schulen ein nachweisliches Infektionsrisiko. Es ist unbegreiflich, dass diese Tatsache in der öffentlichen Diskussion im Zusammenhang mit einer zeitnahen Impfung aller Lehrkräfte auch an den weiterführenden Schulen immer wieder übergangen wird. Immerhin sind wir vermutlich der größte „Betrieb“ in Bayern und erwarten von unserem Dienstherrn, dass er seiner Fürsorgepflicht uns gegenüber nachkommt und entsprechende Maßnahmen ergreift. Kurzfristig scheint regelmäßiges Testen die einzige Möglichkeit zu sein, das Risiko der Ausbreitung einer Infektion an den Schulen zu minimieren. Die BayDV hat deshalb in den Gesprächen mit Staatsminister Piazolo eine Testpflicht für alle befürwortet. Die Rückmeldung der Eltern bezüglich einer freiwilligen Testung war vor den Osterferien relativ zurückhaltend. Es hätte sicher nicht zu einem verstärkten Sicherheitsgefühl an den Schulen beigetragen, wenn nur ein Teil der anwesenden Schülerinnen und Schüler negativ getestet wäre. Die Frage, ob die Schülerinnen und Schüler nicht zu Hause getestet werden könnten, wurde intensiv diskutiert. Laut Aussage des Ministeriums könne man dann nicht sicher sein, dass alle den Test zuhause zuverlässig durchführen und nur mit einem negativen Ergebnis in die Schule kommen. Will man auf Nummer Sicher gehen, dann müsse man die Tests in der Schule durchführen oder man lässt sich Bescheinigungen über negative Testergebnisse vorgelegen, die von einer anerkannten Teststation ausgestellt wurden. Die BayDV ist zunächst auch davon ausgegangen, dass diese Aufgabe nicht von Lehrkräften, sondern von geschultem medizinischem Personal übernommen werden sollte. Es ist aber naiv zu glauben, dass dieses Personal an jedem Tag an jeder Schule in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen würde. Man wird sehen, wie das Testen an den Schulen funktioniert und wo noch nachgesteuert werden muss. Es könnte auch sein, dass die deutlich strengeren Quarantäneregelungen dazu führen, dass bei positiv getesteten Schülerinnen und Schülern neben der ganzen Klasse grundsätzlich auch die betreuenden Lehrerkräfte für 14 Tage in Quarantäne müssen.

Wie lange wir dann den Unterrichtsbetrieb aufrechterhalten können, wird sich zeigen. Wir Schulleiterinnen und Schulleiter müssen uns daneben noch mit jenen Eltern auseinandersetzen, die ihr Kind nicht testen lassen wollen und dennoch auf einer Beschulung ihrer Kinder bestehen. Sollten die Inzidenzzahlen weiter in dem Tempo der letzten Tage ansteigen, so ist zu befürchten, dass ab nächster Woche viele Schulen sowieso wieder zum Distanzunterricht übergehen werden und das Testen sich dann nur auf die Oberstufe beschränken wird. Ob dann die derzeitigen Planungen hinsichtlich Leistungserhebungen und Jahresabschluss für die Jahrgangstufen 5 mit 10 Bestand haben werden, erscheint fraglich.

Abschlussklassen verdienen faire und qualitätsvolle Abi-Prüfungen.

Die BayDV begrüßt die Entscheidung der Kultusministerkonferenz, die Abiturprüfungen in diesem Jahr wie geplant stattfinden zu lassen. Nach einer langen und intensiven Vorbereitungszeit haben es unsere Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen verdient, sich einer fairen und gleichzeitig qualitätsvollen Abiturprüfung stellen zu können. Für die größtmögliche Sicherheit fordern wir, dass nicht nur während der Vorbereitungszeit, sondern auch an den einzelnen Prüfungstagen eine Testpflicht für alle Abiturientinnen und Abiturienten besteht. Für Schulen, an denen in den kommenden Wochen auch für die Oberstufe kein Präsenzunterricht stattfinden kann, wird es weitergehende Maßnahmen geben, um auch dort noch in diesem Schuljahr Abiturprüfungen zu ermöglichen.

Die kommenden Monate bis zum Schuljahresende werden uns noch einmal viel Kraft kosten. Manchmal hilft es in einer Phase, in der einen bisweilen das Gefühl der Erschöpfung regelrecht lähmt und pessimistisch in die Zukunft blicken lässt, wenn man sich an das bisher Geleistete erinnert.

Schulleitungen haben einen gigantischen Schulentwicklungsprozess gestemmt.

Seit letztem März haben wir an verantwortlicher Stelle unsere Schülerinnen und Schüler und unsere Kollegien durch eine eng getaktete Abfolge von enormen Veränderungen geführt. Einige Ergebnisse dieses gigantischen Schulentwicklungsprozesses sowie die dazugehörigen Rahmenbedingungen können das verdeutlichen:

  • Die Schulen haben den digitalen Unterricht in kürzester Zeit auf die Beine gestellt und Konzepte zum strukturierten Arbeiten und sinnvollen Lernen sowie zur aufmerksamen pädagogischen Begleitung unserer Schülerinnen und Schüler entwickelt. Dies ist geglückt trotz schwankender Mebis-Verfügbarkeit, ohne dienstliche Rechner sowie mit einer zunächst geringen Anzahl an Geräten für die Schülerinnen und Schüler.
  • Die Schulen haben regelmäßig, häufig sehr kurzfristig mitgeteilte Regelungen mit einem organisatorischen Kraftakt bewältigt und die Kollegien, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler durch intensive Kommunikation und unzählige Elternbriefe auf die Reise mitgenommen.
  • Die Schulen haben mehrere komplette Systemumstellungen trotz widriger Bedingungen (z. B. Kurzfristigkeit der Anweisungen, mangelnde technische Ausstattung) gemeistert: Von der Präsenz in die Distanz, in den Wechsel, in die Mischform und zurück.
  • Die Schulen haben gezeigt, dass sie aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns die nötigen Schlüsse gezogen und verantwortungsbewusst aufwändige Planungen durchgeführt haben. Der Distanzunterricht funktioniert und sorgt für Struktur und Sicherheit im Alltag der Familien – bei allen Herausforderungen, die dennoch zu bewältigen sind. Auch für den Wechselunterricht wurden, wo technisch möglich und pädagogisch sinnvoll, überzeugende Lösungen mit großem Aufwand ermöglicht.
  • Die Schulen haben mit ihren Sachaufwandsträgern intensive, manchmal auch langwierige Verhandlungen geführt, um die notwendige digitale Ausstattung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Unsere Systembetreuerinnen und Systembetreuer sowie viele unserer Lehrkräfte haben wochenlang Zusatzarbeit geleistet, um die neue Technik zum Einsatz zu bringen.
  • Die Schulen haben eine Vielzahl von Aufgaben übernommen, die mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule nichts zu tun haben:
    • Das Führen von Statistiken für das Gesundheitsamt
    • Die Organisation von Reihentestungen (Verhandlung mit Ärzten aus der Umgebung bzw. mit vom Sachaufwandsträger benannten Firmen, Erstellung von Listen, Bereitstellung der Räume, Information der Eltern etc.)
    • Die Weitergabe von Quarantäne-Verordnungen an die entsprechenden Adressaten
    • Das Erteilen von Vorab-Informationen bei Quarantänefällen (die Verordnung des Gesundheitsamtes erfolgte oft erst Tage später)
    • Die Organisation von Selbsttestungen
    • Die Dokumentation, welche Tests wann wozu verwendet wurden.
  • Die Schulen haben hunderte (!) KMS, Rahmenhygienepläne, Anlagen, Merkblätter etc. gelesen, verarbeitet und implementiert. Gerade die Regelungen aus dem Gesundheitsministerium haben die Schulen dabei immer wieder vor schwere Herausforderungen gestellt, die wertvolle Ressourcen für unsere eigentliche Arbeit gekostet haben.

Anspruchsvolles Tagesgeschäft läuft zeitgleich zum Kriseneinsatz. Schulleitungen fordern dringend Entlastung und eine Änderung in den Beurteilungsrichtlinien.

Der überwiegende Teil unserer Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern weiß unseren Einsatz für das Wohl der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu schätzen und sagt uns das auch. Wir haben alles getan, um unseren Schülerinnen und Schülern Struktur und Sicherheit zu bieten. Wir haben das auch unter höchstem persönlichem Einsatz und unter Aufbringung höchster Loyalität geschafft.

In den vergangenen Wochen und Monaten hat die BayDV viele Gespräche mit Ministeriumsvertretern und anderen Verbänden geführt, zahlreiche Interviews gegeben und immer wieder versucht, auf die zum Teil sehr schwierigen Arbeitsbedingungen von uns Schulleiterinnen und Schulleitern während dieser Krise hinzuweisen. Ich darf Ihnen versichern, dass Ihr herausragender Einsatz vor Ort im Staatsministerium durchaus wahrgenommen wird. Man sieht im Moment nur keine Möglichkeit, uns entscheidend zu entlasten. Bei all dem Lob für unser Krisenmanagement wird dabei aber leider oft vergessen, dass es nicht nur diese Krise zu bewältigen gilt. Das ganze „normale“ Tagesgeschäft, wie z. B. die Organisation und Vorbereitung der Abiturprüfungen, die Personalplanung für das kommende Schuljahr, das Aufnahmeverfahren der neuen Fünftklässler und vieles mehr muss in den nächsten Wochen erledigt werden.

Das Jahr 2022 ist nebenbei auch Beurteilungsjahr. Trotz unserer dringenden Bitte sind die Beurteilungsrichtlinien bedauerlicherweise bisher noch nicht an den Schulen angekommen. Da im vergangenen Jahr sehr viele Unterrichtsbesuche nicht stattfinden konnten, fordern wir mit Nachdruck ein Entgegenkommen und eine Anpassung der Beurteilungsrichtlinien, die verhindert, dass das kommende Beurteilungsjahr nicht noch zusätzlich zum Stressfaktor wird. Aufgrund der momentan sehr schwierigen Situation hat sich die BayDV für eine Verlängerung des Beurteilungszeitraums bzw. für eine Reduzierung der Anzahl der Unterrichtsbesuche eingesetzt.

Für zusätzliche Förder- und Brückenangebote brauchen wir mehr Lehrer. BayDV warnt eindringlich vor dramatischem Lehrermangel.

Das Schuljahr 2021/22 wird auch davon geprägt sein, wie man zu einer gewissen Normalität im Schulalltag zurückkehren kann. Dabei können nicht nur ausschließlich Lehrpläne, Pflichtunterrichtsstunden und das Schließen von Bildungslücken im Vordergrund stehen. Auch das außerunterrichtliche Angebot wie Wahl- und Projektunterricht muss so schnell wie möglich wieder ein Teil des Schullebens werden. Wahlunterricht darf nicht einfach wieder in Förderunterricht umgewidmet werden. Um zusätzlich Förder- und Brückenangebote einzurichten, ist eine Erhöhung des Lehrerstundenbudgets für jede Schule notwendig. Was wir am dringendsten brauchen, ist Zeit. Wir brauchen Zeit für unsere Schülerinnen und Schüler, um die Lücken aus diesem und dem vorigen Schuljahr zu schließen. Es geht nicht nur ums Lernen, sondern um das soziale Miteinander, um das Wieder-Hineinfinden in einen schulischen Alltag, um das Zusammenfinden als Menschen, um die emotionale Bewältigung dieser langen Krise. Für Förder- oder Brückenkurse sind dringend gut ausgebildete Lehrkräfte nötig. Hier auf Quereinsteiger und anderes unqualifiziertes Personal zu setzen, ist zu kurz gedacht und wird mittelfristig keinen Erfolg nach sich ziehen.

Auch im Hinblick auf die Personalsituation in wenigen Jahren nach Aufwachsen des G9 brauchen wir jetzt dringend die gymnasial gut ausgebildeten Lehrkräfte, die derzeit keine Anstellung an den Schulen bekommen. In ein paar Jahren wird es sie nicht mehr geben, weil sie in ein anderes Bundesland abgewandert sind oder sie nach langem vergeblichen Warten in einen anderen Beruf gewechselt haben. Dass sich zum Jahr 2025 ein dramatischer Lehrermangel auch an den bayerischen Gymnasien abzeichnet, kann inzwischen niemand mehr leugnen. Die BayDV hat auf diese Entwicklung bereits vor mehr als vier Jahren hingewiesen. Damals hatte man uns noch mit dem Hinweis auf übervolle Wartelisten beschwichtigt, jetzt haben sich diese Wartelisten überraschend deutlich geleert. Die BayDV warnt eindringlich davor, sehenden Auges weiter in einen Lehrermangel schlimmsten Ausmaßes zu steuern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die BayDV bedankt sich bei Ihnen für die zahlreichen Rückmeldungen und Zuschriften zu aktuellen Entscheidungen und Maßnahmen. Wir werden auch weiterhin Ihre Sorgen und Wünsche gebündelt an das Staatsministerium und an die bildungspolitischen Entscheidungsträger weitergeben und uns dafür einsetzen, dass wir Unterstützung und Anerkennung bekommen für den wachsenden Berg an Aufgaben, der sich im Moment vor uns auftürmt. Dabei gilt gerade für mich persönlich immer die Devise, nicht nur lautstark zu protestieren und Forderungen zu stellen, sondern tragfähige und nachhaltige Kompromisse zu suchen und zu finden, die in der täglichen Praxis auch umsetzbar sind. Dafür werden wir auch geschätzt und als Gesprächspartner gesucht.

Es ist bitter, dass wir im Moment oft nur zusehen können, wie sich die Dinge entwickeln. Wir müssen weiterhin wachsam sein, um zu gegebener Zeit eingreifen und nachsteuern zu können. Bewahren Sie sich Ihre Zuversicht und positive Gelassenheit und vertrauen Sie darauf, dass Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der ganz überwiegende Teil der Eltern und vor allem die Schülerinnen und Schüler hinter Ihnen stehen und Sie unterstützen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für die kommenden Wochen viel Kraft und Durchhaltevermögen. Und in erster Linie: Bleiben Sie gesund!

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Walter Baier
Landesvorsitzender

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